hs Reisen und mehr
Jakobsweg 2011
© Hans Schönherr 2012-2015
47. Tag - 17. Juli
47. Tag: Burgos - Castrojeriz - Fromista - Carrión de los Condes   Tagesleistung: 91 km Gesamtstrecke: 2.694 km - noch ungefähr 410 km bis Santiago - rund 293 km seit St.-Jean-Pied-de-Port Wetter: morgens stark bewölkt, nachmittags sonnig, fast ohne Wolken Wind: meist seitlich Temperatur: 20:30 Uhr 22 Grd. C Aufwärts: 510 hm Abwärts: 510 hm Morgens tröpfelt es auf das Zelt. "So ein Mist - der Wetterbericht hatte doch nur Bewölkung angesagt", denke ich mir, ziehe den Schlafsack über die Ohren und penne noch eine Runde. Um 7:00 Uhr ist dann aber Schluss - draußen ist alles trocken, und ich packe zusammen. Anschließend gönne ich mir noch einen Kaffee und einen Croissant in der Campingplatz-Bar. Es ist stark bewölkt und das Thermometer zeigt nur 12 Grd. C an. Ich nehme den Fuß-Pilgerweg (es gibt einen Radweg!!!) stadtauswärts. Nachdem die industriell geprägten Vorgebiete von Burgos hinter mir liegen, beginnt die sogenannte Meseta. In vielen Beschreibungen wird die Meseta als langweilig und anstrengend beschrieben. Ich finde das überhaupt nicht - mir gefällt sie. Ich fahre auf Schotterwegen, die sich gut bewältigen lassen, und ich überhole unzählige Pilgerinnen und Pilger aus allen möglichen Nationen. Es sind viele Japaner dabei. Der übliche Gruß ist "Buen Camino". Der Weg führt durch eine Hochebene, die von Getreidefeldern - teils schon abgeerntet - geprägt ist. Manchmal sind auch riesige Felder mit Sonnenblumen dabei. Auch wenn es weitgehend Monokultur ist: dennoch ein schöner Anblick. Man kann unheimlich weit sehen. Ab und zu schneidet ein Tal in die Hochebene ein und muss durchquert werden. Irgendwann gegen 11:00 Uhr mache ich nach einem ziemlich anstrengenden Anstieg aus einem Tal heraus eine kleine Pause, esse ein paar Stückchen Kuchen und einen Apfel. Ich komme mit zwei Italienerinnen ins Gespräch, von denen die eine mir erzählt, dass sie ganz schlimme Füße hätte, dass sie aber dennoch vom Camino so begeistert sei, dass sie unbedingt weitergehen möchte. Beim Abstieg nach Hornillos ist es so steil und der Weg voll mit losem Schotter, dass ich eigentlich bergab schieben müsste. Geht leider nicht, da ich die Bremsen bei meinem Toxy dann nicht erreichen kann. Also bleibe ich sitzen, Füße knapp vor dem Boden, Hände an den Bremsen. Ich durchquere Hontanas, ein typisches Pilgerdorf, die Häuser sind entlang des Pilgerweges angeordnet. Jedes Dorf besitzt eine alte Kirche, die teilweise mit unschätzbaren Reichtümern gefüllt sind. Ich komme an den Ruinen des gotischen Klosters "Convento de San Anton" vorbei. Die Straße führt unter einem Doppelbogen mitten durch das Portal der ehemaligen Kirche, die allerdings kein Dach mehr besitzt. Ich stelle immer wieder erstaunt fest, welch Aufsehen mein Toxy hervorruft. Alle möglichen Leute wollen mich und das Toxy fotografieren. Schließlich erreiche ich Castrojeriz (hier ist eigentlich Ende der Etappe). Ich gönne mir zum Mittagessen einen Kaffee, ein Stück Tortilla und zwei Stücke der Morcilla (gebratene Blutwurst). Anschließend mache ich mich auf zur nächsten Etappe. Jetzt fahre ich auf der Landstraße, da der Pilgerweg lt. Pilger-Führer für Tourenräder nicht geeignet ist. In Boadilla del Camino, will ich mir die Kirche ansehen. Aber wie bei allen Spaniern ist es so, dass auch die Kirchen bis ca. 17:00 Uhr Siesta machen und geschlossen sind. Aber vor der Kirche steht eine bemerkenswerte spätgotische Gerichtssäule (Pranger oder auch Schandpfahl) aus dem 14. Jahrhundert. In Fromista waren meine Frau und ich schon einmal mit dem WoMo. Aus der Fahrradfahrer- und Pilgerperspektive sieht es irgendwie anders aus. Bemerkenswert ist die schöne romanische Kirche San Martin, die allerdings wegen der "Mittagspause" leider auch nicht zu besichtigen ist. Weiter geht es, um die letzten 18 km des Tages zu bewältigen. Ein Autofahrer fährt rechts ran, springt aus seinem Auto, zückt seine Kamera und schießt Fotos, wie ich mich den Berg hoch quäle, rennt noch einmal neben mir her und fotografiert. Anschließend wendet er, überholt mich, hält erneut an und fotografiert mich nochmals - so etwas Verrücktes!!! Ich fahre meist auf der außerordentlich wenig frequentierten Landstraße, neben der der Schotter-Pilgerweg parallel läuft. Schließlich erreiche ich Carrión de los Condes, das heutige Ziel. Ich bin stolz darauf, heute 91 km geschafft zu haben. Das ist die längste Tagesetappe, die ich bisher zurückgelegt habe. Ich suche und finde den Campingplatz, schlage das Zelt auf. Nach dem Duschen gehe ich ins Städtchen, besichtige eine Kirche. Dort treffe ich Franz aus Düren. Er ist bereits 70 Jahre alt und ist mit dem Fahrrad aus Deutschland her gefahren. Er ist am 7. Juni gestartet. Franz erzählt mir, dass er aus Vorsicht den Rückflug erst für Mitte September gebucht hat und dadurch entsprechend kurze Tagesetappen vor sich hat, das heißt für rund 300-  km hat er ungefähr noch zwei Monate Zeit!? Wir unterhalten uns, besichtigen noch ein paar Kirchen und ein Museum und gehen anschließend gemeinsam Essen. Ich esse für 8 € eine gemischte Platte mit Pommes, Steak, Spargel und gemischten Salat. Nach dem Abendessen trennen sich unsere Wege. Ich gehe zurück zum Campingplatz, um das fällige Tagebuch von heute zu schreiben, genehmige mir in der Campingplatz-Bar noch ein Bier und einen Brandy. Erkenntnis des Tages: Man muss nicht alles glauben, was andere sagen/schreiben.
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