hs Reisen und mehr
Jakobsweg 2011
© Hans Schönherr 2012-2015
40. Tag - 10. Juli
vorherige Seite vorherige Seite
40. Tag: St.-Jean-Pied-de-Port Wahrscheinlich wundert sich manch ein Leser, weil ich immer noch aus Frankreich schreibe und nicht aus Spanien, wie gestern prognostiziert. Also gibt es keinen Fahrbericht zum 40. Tag sondern nur einen “Fußgängerbericht”. In der letzten Nacht hat es wie aus Kübeln geschüttet, geblitzt und gedonnert, so dass das Zelt morgens klitschnass ist und ich keine Lust habe alles, so nass wie es ist, zusammenzupacken. Außerdem denke ich, dass mir ein vierter Erholungstag mit “Nichtstun” gut tun wird, bevor ich die Pyrenäen mit dem Ibaneta-Pass mit 1020 m Höhe "bezwinge". Ich schlafe also ziemlich lange, frühstücke den Rest vom Baguette von gestern. Nachdem die Akkus vom Handy und Netbook fast leer sind, gebe ich sie bei der Bude des Campingplatzwartes ab, um sie dort aufzuladen. Anschließend mache ich erneut einen Stadtbesichtigung und gönne mir zwei Tassen Kaffee. Die Wolken hängen sehr tief im Tal, so dass man die Berggipfel nicht einmal erahnen kann. Alles erscheint grau in grau. Die schmale Hauptstraße mit den vielen unterschiedlichen Häusern wirkt sehr mittelalterlich. Langsam werden auch die Geschäfte geöffnet, obwohl Sonntag ist. Fast alles ist auf Tourismus ausge-richtet. Viele Läden verkaufen Pilgerbedarf: Stöcke, Rucksäcke, Jakobsmuscheln, Landkarten, Wanderschuhe usw. Ich werde fündig und kaufe mir für 9 € endlich! einen leichten Dreibein- Falt-Hocker. Endlich! hat das Sitzen auf dem Boden ein Ende. In einem Tabac-Laden erstehe ich seit bald sechs Wochen meine erste deutsche Zeitung: “Die Süddeutsche”. Ich benötige zweieinhalb Stunden bis ich sie ausgelesen habe und schenke sie anschließend Luis. Mit Luis (61 Jahre) habe ich bereits gestern Abend vor meinem Zelt zusammen gesessen, geplaudert und zwei Fläschchen Rotwein geleert. Er ist Pilger aus Deutschland (Hof), ist seinem Bekunden nach von Hof bis Paris gepilgert und von dort aus mit der Bahn nach hierher gefahren. Er hat wohl schon die unterschiedlichsten Berufe ausgeübt und die verschiedensten Geschäfte gehabt und ist nun auf dem Weg, sich selbst zu finden. Ich denke, er macht sich etwas vor, aber der Weg ist das Ziel; ich hoffe, er findet, was er sucht. Als ich mit der Zeitung fertig bin, spricht mich ein Schweizer an. Er ist ebenfalls mit dem Liegerad unterwegs. Seit 8. Mai fährt er nun schon, war bis nach Gibraltar und ist nun auf dem Weg in die Normandie, um dann wieder nach Hause zu fahren. Bis jetzt hat er um die 4.000 km hinter sich. Wir fachsimpeln ein bisschen, dann verabschiedet er sich wieder. Nachmittags gehe ich wieder in die Ortschaft, sitze nun in einem Café bei Kaffee und Kuchen und lasse es mir gut gehen. Abends werde ich zusammen mit Luis in ein Restaurant zum Essen gehen. Ich freue mich darauf.   St.-Jean-Pied-de-Port ist für den Großteil der Pilger der Startort ihrer Pilgerreise auf dem Camino Frances, der Weg durch Spanien. Ich unterhalte mich mit manch einem Pilger, der hier seine Tour anfängt. Etliche höre ich sagen/klagen(?), wie viele anstrengende Kilometer sie noch vor sich hätten. Wenn ich ihnen erzähle, dass für mich St.-Jean-Pied-de-Port schon fast der Endpunkt der Reise ist, schauen sie mich irritiert oder ungläubig an. Aber bei mehr als 2/3 der Gesamtstrecke kann man so etwas auch schon einmal behaupten. Abends gehen Luis und ich in ein Lokal in die "City". Wir sitzen dort im Garten unterhalb der Stadtmauer, essen ein Pilgermenü für 11 € und trinken dazu noch etliche Karaffen mit Rotwein. Zu uns gesellt sich ein Holländer, der ebenfalls mit dem (normalen) Tourenfahrrad unterwegs ist. Wir haben uns viel zu erzählen und gehen anschließend doch schon etwas schwankend auf den Campingplatz zurück, der glücklicherweise schnell erreicht ist. Ich werde morgen - egal wie das Wetter ist, losfahren. Immer kann man keine Ausreden erfinden. Erkenntnis des Tages: Manchmal muss man zu ehrgeizige Ziele auch begraben können
nächste Seite nächste Seite zurück zur Seitenauswahl zurück zur Seitenauswahl