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Jakobsweg 2011
© Hans Schönherr 2012-2015
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20. Tag  - 20. Juni
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20. Tag: Joinville - Villiers-s.-Marne - Marbeville - Colombey-les-deux-Eglises - Bar-s.-Aube   Tagesleistung: 61 km Gesamtstrecke: 1.261 km - (355 km von Trier) Wetter: bis nachmittags bedeckt, vormittags Regen, anschließend bedeckt aber trocken Temperatur: mittags 16 Grd. C Wind: meist von vorne oder schräg von vorne Heute ist ein abwechslungsreicher Tag, der den äußeren Umständen nach eigentlich nur Frust bedeutet hätte - gleichwohl, ich bin am Abend sehr zufrieden. Morgens wache ich gegen 6:30 Uhr auf, drehe mich aber noch einmal um, da es das Mini-Frühstück erst um 8:00 Uhr geben soll. Nach dem Aufstehen sind die Packtaschen bald wieder ordentlich bestückt (inzwischen habe ich da viel Routine entwickelt und ich weiß mit Sicherheit, wo alles hingehört). Das "Petit Dejéuner" besteht aus zwei Tassen Kaffee, einem Croissant, einem Stück Baguette, einem Stückchen Butter und einem Schälchen Aprikosenmarmelade. Kostenpunkt 5 €.   Draußen regnet es, und ich zögere die Abfahrt hinaus. Ich habe beschlossen, ein wenig von der Jakobsweg-Route abzuweichen, da es einen wunderschönen Radweg entlang der Marne bzw. des Marnekanals gibt, der parallel zum Jakobsweg läuft, aber die “Aufs” und “Abs” vermeidet. Als ich losfahren will, spricht mich ein Mann an, der auch schon den Jakobsweg gefahren ist. In einem Kauderwelsch von Deutsch, Französisch und Englisch diskutieren wir bald 20 Minuten über die besten Routen. Er bietet mir an, mich wegen des schlechten Wetters mit seinem Auto nach Bar-s.-Aube zu fahren. Wirklich nett, aber ich bin Pilger und lehne dankend ab. Schließlich fahre ich los. Am Kanal, der ab und zu die Marne kreuzt, kann ich Hausboote und andere Privatjachten beobachten. Gewerbs- mäßige Schifffahrt findet dort wohl nicht mehr statt. Es regnet immer mal wieder. Nach etwa 10 km stehen am Rand des Radwegs ein Auto und just der Mann, mit dem ich in Joinville das längere Gespräch gehabt habe. Er macht mir nochmals den Vorschlag, mein Fahrrad einzupacken und mich nach Bar zu fahren. (Bar ist mein heutiges Ziel etwas abseits des Jakobsweges, weil es dort lt. Autoatlas einen Campingplatz geben soll.) So etwas macht vielleicht Harpe Kerkeling, meine Prinzipien verbieten mir das aber. Nach einem kurzen Gespräch und einem ganz herzlichen Dank verabschiede ich mich endgültig von ihm und fahre weiter. Der Regen wird langsam heftiger und ausdauernder. Nach 16 km muss ich leider den schönen Marne-Radweg verlassen. Der Weg führt nun entlang einer autobahnähnlich ausgebauten Nationalstraße - da wird es mir schon etwas unheimlich, wie die Lkws an mir vorbei brettern. Nach gut drei Kilometer ist das schließlich vorbei, und ich fahre bergan, bergan, bergan, bergan von der Marne weg Richtung Jakobsweg. Ab und zu stelle ich mich wegen des Regens unter - schließlich ziehe ich mir meine Regenjacke an. Nun wechseln sich Steigungen mit Gefällen ab. Merkwürdigerweise habe ich heute eingesehen, dass es nicht immer nur bergab oder geradeaus gehen kann, sondern dass Berge dazugehören - genauso wie der Regen oder der Gegenwind. Ich sage kein einziges Mal "merde". Ich gelange schließlich nach Colombey-les-deux- Eglises, dem ehemaligen Wohnort von Charles de Gaulle. Auf einem Hügel nah des Ortes gibt es ein großes Informationszentrum zu seinem Leben und Wirken sowie als Denkmal ein riesiges, 1972 errichtetes 44m hohes Kreuz aus Granit am Gipfel eines kleinen Berges, das sogenannte "Lothrin- gische Kreuz", von dem aus man eine tolle Übersicht über die umliegende Landschaft hat. (Das Lothringische Kreuz war Zeichen der französischen Exilregierung im Zweiten Weltkrieg). Anschließend - es regnet nicht mehr - darf ich fast ununterbrochen 16 km bergab nach Bar- s.-Aube fahren. (Bar-s.-Aube gehört schon zur Champagne.) Das ist schon ein tolles Gefühl, wenn man ohne Anstrengung so viele Kilometer am Stück mit hoher Geschwindigkeit fahren kann - einmal erwische ich mich mit 50 km/h. Normalerweise bremse ich schon bei 35 km/h ab, weil ich doch ein bisschen Angst vor einem Sturz habe. (Grundsätzlich fahre ich auch mit langärmeligem Hemd und langer Hose in der Hoffnung, dass dann Haut geschont wird - von meinem Sturz am 3. Juni ist immer noch nicht alles endgültig abgeheilt - aber fast).   In Bar-s.-Aube frage ich eine Taxifahrerin nach dem Campingplatz - sie macht mir eine Skizze. Allerdings als ich dort eintreffe, stelle ich fest: Es gibt diesen Campingplatz zwar noch, er ist aber stillgelegt. Nun, was jetzt tun? Ich suche die Tourist-Information in der Nähe des Rathauses (Hotel de Ville) und finde sie nicht. Nach ca. 10 Minuten merke ich schließlich, dass ich direkt davor stehe - peinlich! In der Tourist-Information hilft mir eine junge Frau, die Englisch spricht, ein Hotel zu finden (34 €). Das Hotel ist schon ein wenig altertümlich, das Zimmer ein Dreibettzimmer. Nach der obligatorischen Dusche und dem Aufhängen der nassen Klamotten packe ich das immer noch feuchte Zelt aus und baue es auf dem Doppelbett auf, damit es endlich trocknen kann - das ist schon ein tolles Ensemble, das ich da kreiert habe. Anschließend ist Stadt- und Kirchenbesichtigung angesagt. In einem ganz toll hergerichteten Café (so etwas habe ich in Frankreich noch nicht gesehen!) trinke ich einen Kaffee und ein Bier - ich fühle mich rundherum wohl. Nachdem ich dort genügend relaxt habe, suche ich mir einen kleinen SB-Markt, in dem ich die nötigen Dinge fürs Abendessen und den nächsten Tag (Rotwein "Cotes du Rhone", Wurst, Käse, Pate de Champagne, Baguette, Wasser und Äpfel) einkaufe. Morgen möchte ich wieder auf einem Campingplatz übernachten. Hoffentlich regnet es nicht. Bis Vézelay sind es noch rund 175 km - dann beginnt die Via Lemoviciensis! Erkenntnis des Tages: Mit Gelassenheit kann man die Widrigkeiten des Tages wesentlich besser ertragen.
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