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Jakobsweg 2011
© Hans Schönherr 2012-2015
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16. Tag - 16. Juni
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16. Tag: Thionville - Metz   Tagesleistung: 35 km Gesamtstrecke: 1.025 km Wetter: Ganztägig Wechsel zwischen Bewölkung mit Regen und Sonne Temperatur um 19:00 Uhr: 26 Grd. C Die erste Nacht im Zelt ist irgendwie nicht so lustig: Erst kann ich nicht einschlafen, weil alles ungewohnt ist. Der Schlafsack ist mal zu eng, dann auf der falschen Seite, das Kopfkissen fehlt mir, so dass ich Klamotten zur Kopfunterlage umfunktioniere, draußen wird gelacht und geschrien - die Nacht ist insgesamt ungemütlich. Um 6:30 Uhr stehe ich deshalb auf, dusche mich, baue das Zelt ab und frühstücke mit 1½ Brötchen und Mineralwasser als Kaffee-Ersatz - nicht gerade das, was ich mir als Frühstück vorstelle!   Um 8:00 Uhr verlasse ich den Campingplatz von Thionville, wobei ich durch die Madame des Platzes wort- und gestenreich verabschiedet werde. Kaum dass ich Thionville hinter mir habe, fängt es an zu regnen. Heftiger Gegenwind frisst meine Kräfte auf. Für rund ½ Stunde trotze ich den Witterungsunbilden, dann suche ich Schutz unter einer Brücke. Nach gut einer viertel Stunde hört es glücklicherweise auf zu regnen. Ich fahre längs des parallel zur Mosel führenden Radweges Richtung Metz. Zweimal ist der Weg wegen Bauarbeiten gesperrt, und das Schild "Deviation" (Umleitung) ermuntert, eine andere Richtung einzuschlagen. Leider weiß ich dann nicht mehr, wie es weiter geht, weil die Umleitung nicht weiter ausgeschildert ist. Also erneut per Karte und GPS den richtigen Weg suchen, was dann auch gelingt. In Frankreich sind andere Radfahrer übrigens in aller Regel sehr freundlich. Auch Rennradfahrer grüßen mit einem netten "Bon Jour". Schließlich erreiche ich gegen Mittag Metz und finde sogleich den Camping Municipal. Ich habe beschlossen, bereits nach solch einer kurzen Tagesetappe Pause zu machen, da Metz so einiges an historischen Bauten zu bieten haben soll und ich somit ein wenig Zeit dafür habe, es anzusehen. Auf dem Campingplatz darf ich mir einen Platz am Ufer der Mosel aussuchen und baue sogleich das Zelt auf - es geht wesentlich einfacher als am Tag zuvor. Nach einer ausgiebigen Dusche und dem Einlegen eines Waschtages packe ich dann meine Tasche mit den Wertsachen und gehe in die Stadt (Zentrum ca. 800 m vom Campingplatz entfernt).   Ich besichtige die Kathe- drale, die wirklich sehr beeindruckend ist: ein sehr hohes Kirchenschiff, große Glasfenster. Leider hat der Dom-Shop noch geschlossen, so dass es noch keinen Stempel gibt. Diesen hole ich mir etwas später ab. Dann besichtige ich die Altstadt von Metz bzw. habe es vor. Leider fängt es an zu regnen, so dass mich die Lust dazu verlässt. Aus Frust setze ich mich in ein Straßencafé, trinke zwei "Kaffee petit" (Espresso) und eine Flasche Mineralwasser, mache dabei ein Nickerchen, wohl auch um das Schlafdefizit der vergangenen Nacht etwas aufzuholen. Im Übrigen muss ich feststellen, dass in Frankreich wohl viel mehr Leute rauchen, als bei uns. Egal, wo man ist, man wird durch Qualmwolken belästigt. Nach einen Telefonat mit meiner Frau gehe ich noch einmal in die regnerische Stadt … und sehe plötzlich eine Gruppe von vier Männern und Frauen, die ein rotes T-Shirt mit der Aufschrift "Pfälzer Jakobspilger 2021" anhaben. Ich spreche sie an und es entwickelt sich ein nettes Gespräch, das ich mit Monika, Beate, Hannelore und Walter in einem Café fortsetze. Beate lädt uns alle auf einen Kaffee Creme ein. Die Gruppe, zu der sie gehören, (insgesamt etwa 20 Personen) ist eine "Lazy- Pilgergruppe". Sie tragen nur das Tagesgepäck, der Rest wird mit dem Bus transportiert. Gleichwohl sind sie in neun Tagen rund 200 km bis Metz gelaufen. Nächstes Jahr soll es dann ab Metz weitergehen. Im Jahr 2021 wollen sie in Santiago ankommen. Es ist ein sehr anregendes und informatives Gespräch, das mich den (Nieselregen-)Frust der letzten Stunden vergessen lässt; für mich sind es richtig beglückende Momente, sich mit diesen Menschen austauschen zu dürfen. Das Wetter ist wieder gut geworden, die Sonne scheint, so dass ich meinen Stadtbummel fortsetzen kann. Ich kaufe mir meine Brotzeit für den Abend ein und suche einen Laden, wo ich Ersatz für meine Computer-Mouse kaufe (ohne Maus habe ich erhebliche Probleme beim Schreiben). Anschließend gehe ich gemütlich zurück zum Campingplatz. Dort ordne ich meine wieder nass gewordene Wäsche und beginne Abendbrot zu essen. Nebenan hat sich ein Fahrrad-Zeltler angesiedelt, den ich auf ein Glas Rotwein (sein Glas besteht aus einem Blechbecher) einlade. Das ist Dag aus Schweden, der mit seinem Fahrrad am gleichen Tag wie ich aus Schweden über Trelleborg und Rostock losgefahren ist. Wir unterhalten uns längere Zeit, hauptsächlich auf Englisch, über dies und das. Er will noch weiter in den Süden fahren, hat aber noch kein Ziel. Ende Juli muss er wieder zurück in Schweden sein. Nachdem das Tagebuch abgeschickt ist, gehe ich noch einmal in die Campingplatz-Wirtschaft, um ein Bier zu trinken. Dabei komme ich mit einem Ehepaar aus der Nähe von Bremen ins Gespräch, das mit seinem Caravan wieder auf dem Weg nach Hause ist. Die beiden sind an vielen Stellen in Frankreich, die meine Frau und ich auch bereits mit dem Wohnmobil abgefahren haben, gewesen. So entwickelt sich ein lang andauerndes Gespräch, bei dem wir viele Erinnerungen austauschen. Anschließend tüftele ich im Zelt noch einige Zeit an der morgigen Route. Nachdem ich heute die 1.000er-Marke geknackt habe, habe ich noch rund 2.300 km vor mir - das sind rund 500 km mehr, als ich ursprünglich geschätzt habe. Erkenntnis des Tages: Auf Frust folgen auch beglückende Momente!
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